Das Hirn in unserem Bauch

Es gibt so viele Dinge über unsere Verdauung zu sagen. Dieser Apparat ist ein irre komplexes Gebilde und noch längst sind nicht alle Einflussfaktoren ausreichend erforscht. Gerade durch die Gastroenterologin Giulia Enders, die den Darm und alles drum herum salonfähig gemacht hat, hat der Darm und dessen Funktionen einen neuen Aufwind in der Forschung bekommen. Wobei, nicht wirklich, denn geforscht wird schon lange, nur geredet darüber wird erst seit dem Buch „Darm mit Charme„.

Für mich übt das Organ mit Charme eine ebensolche Faszination aus, denn der Darm ist ein wahrhaft vielseitiges Gebilde. Durch seine riesige Oberfläche, durch die Vielfalt der verschiedenen Zellen, die in einer Einheit zusammenarbeiten und zerlegen, resorbieren, umwandeln und verarbeiten, versorgt uns dieses Organ nicht nur mit allen Nährstoffen, die der gesamte Körper benötigt, sondern sorgt auch noch dafür, dass wir gesund bleiben, denn er ist mindestens genauso wichtig für unser Immunsystem, wie besonders dafür konstruierte Zellen.

Unser Bauchhirn ist älter als unser Gehirn im Kopf

Neueste Forschungen beschäftigen sich vor allem mit dem Bauchhirn, dem Nervengeflecht, welches im gesamten Bauchbereich völlig autark die Verdauung steuert. Historisch gesehen, war das auch als erstes da. Denn der gesamte Kosmos ist auf Überleben ausgerichtet. Das heißt, Nahrung suchen, fressen und verdauen und die Reste wieder ausscheiden. Neben der Fortpflanzung ist das der ursprünglichste Zweck des Daseins von Lebewesen auf der Erde. Es ist also nicht verwunderlich, dass diese Funktionen zu allererst gesteuert werden müssen. Werden die Funktionen dann komplexer, braucht man noch zusätzlich einen Kopf zum Steuern. Das schreibt auch Giulia Enders in ihrem Buch, der Darm sei so charmant und würde alles im Hintergrund koordinieren, ohne den Rest des Körpers und ohne das Gehirn damit zu belasten.

„Darm an Hirn!“ ein kürzlich erschienenes Buch der Autoren Paul Enck, Thomas Frieling und Michael Schemann beschäftigt sich ebenfalls mit dieser komplexen Thematik. Angespornt durch die Vorarbeit von Giulia Enders haben die Wissenschafter in diesem Buch ihre 35-jährige Forschung in eine leicht verständliche Sprache übersetzt. Ein wirklich lesenswertes Buch über unser Hirn im Bauch.

Ein unglaublicher Koloss an Nervenzellen

Spannend finde ich, dass das Enterische Nervensystem – so der wissenschaftliche Name für unser Bauchhirn – über 400 bis 600 Millionen Nervenzellen umfasst – das sind ähnliche viele Neuronen wie unser Rückenmark – und es produziert völlig selbstständig die gleichen Botenstoffe, die unser Hirn produziert. Nicht umsonst gibt es den Spruch: ein gesunder Darm macht glücklich. Die Wissenschaft weiß heute bereits, dass beim Menschen 90 % des peripheren Serotonins – also des sogenannten Glückshormons – im Darm produziert wird.

Es gibt ein äußeres Nervengeflecht, welches sich von der Speiseröhre bis zum After über den gesamten Verdauungsapparat quasi von außen drüberstülpt und vor allem die Muskulatur des Darm steuert, sowie ein inneres Geflecht von Nervensträngen, das die Ausschüttung von Verdauungssäften und Hormonen  beeinflusst und Nährstoffaufnahme und Wasserresorption steuert. Alles in Allem also ein sehr komplexes Gebilde, unser zweites erstes Hirn.

Unter diesem Aspekt bekommt alles, was wir unter dem Motto „ich entscheide mal aus dem Bauch heraus“ tun, ein ganz andere Perspektive. Vielleicht ist es doch manchmal besser auf sein Bauchgefühl zu vertrauen, als auf den analytisch arbeitenden Verstand eine Etage höher. Denn unser Bauchhirn hat dafür gesorgt, dass die Menschheit bis heute überlebt hat.

Wie geht’s Dir mit so einem Gedanken, dass unser Bauch Hirn hat?

Ich freue mich über Deine Kommentare.

 

 

Susanne Lindenthal
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Susanne Lindenthal

Mein Name ist Susanne Lindenthal und ich bin Deine Expertin in Sachen Verdauung. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Zum einen bin ich mit Leib und Seele Ernährungswissenschafterin, zum anderen bin ich der Traditionellen Chinesischen Medizin verfallen. In meinen Beratungen verbinde ich diese scheinbar konträren Welten und verhelfe damit Führungskräften und UnternehmerInnen zu einem besseren Bauchgefühl.
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