Nahrungsergänzungsmittel – Nutzen oder Risiko?

Fast einmal wöchentlich erreicht mich ein Mail, ein Anruf oder eine Nachricht von einem Fremden oder auch von einem langjährigen Bekannten, den ich schon ewig nicht mehr gesehen habe mit der Aussage: „Du, ich hab da was spannendes für Dich, das passt bestimmt super zu Deinem Business und Du kannst ganz leicht sehr viel Geld verdienen“. So ist es mir auch wieder letzte Woche mit einem Bekannten ergangen.

Der neue Speiseplan
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Wenn ich das höre, stellen sich bei mir sämtliche Nackenhaare auf, denn meistens geht es in so einem Fall um Nahrungsergänzungen. Um das gleich klarzustellen, ich bin weder Gegner noch Befürworter von Nahrungsergänzungsmitteln, denn ich habe hier einen sehr pragmatischen Zugang. Liegt ein Mangel vor, der mit natürlichen Nahrungsmitteln nicht zu beheben ist, dann muss man natürlich substituieren. Liegt kein Mangel vor und ernährt man sich ausgewogen und gesund, dann braucht man auch keine Zusatzprodukte – und seien sie qualitativ noch so hochwertig.

Wenn man den Medien Glauben schenkt und die Werbung für diese Produkte verfolgt, dann sind so manche Pillen und Pulverchen wahre Wundermittel. So seien diese in der Lage nicht nur vor schweren Erkrankungen wie Krebs oder ähnlichem zu schützen, sondern auch Übergewicht verpuffen lassen, wie Luft aus einem geplatzen Reifen entweicht oder Burnout zu besiegen, einfach nur durch die Einnahme dieser Mittelchen. So hat es mir auch mein Bekannter erzählt und gemeint, seine ganzen Wehwehchen seien wie durch Zauberhand verschwunden und aus dem Burnout ist er auch gleich wieder rausgekommen.

Viele dieser Aussagen sind umstritten und können wissenschaftlich nicht belegt werden. Dennoch steigt der Markt und die Abnehmer werden immer mehr. Oftmals höre ich das Argument, dass in unseren heute erhältlichen Lebensmitteln eh schon nichts mehr drinnen ist an Nährstoffen. Vielfach wird argumentiert, dass die Böden bereits so nährstoffarm seien und daher unsere Nahrungsmittel so gut wie keine Nährstoffe mehr enthielten. Bei solchen Aussagen sollte man misstrauisch werden! Diese Behauptungen halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, im Gegenteil, der Nährstoffgehalt der Ackerböden wird von Experten vielfach sogar höher eingestuft im Vergleich zu früher. Auch tierische Lebensmittel enthalten heute eher mehr Vitamine und Mineralstoffe als früher, da das Futter für die Tiere genauen Überprüfungen standhalten muss und diesem kontrollierte Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen beigemengt wird.

Was sind Nahrungsergänzungsmittel?

Pille oder Lebensmittel?
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Nahrungsergänzungsmittel sind Nährstoffe, also Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und andere Inhaltsstoffe, die in konzentrierter Form, in Form von Tabletten, Kapseln oder Pulver erhältlich sind. Rechtlich zählen sie zu den Lebensmitteln und ob sie bei uns in den Verkehr gebracht werden dürfen, darüber entscheidet die AGES, Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH. Per Definition sind Nahrungsergänzungmittel Lebensmittel, die zur Ergänzung der normalen Ernährung dienen, eine gesunde und ausgewogene Ernährung aber nicht ersetzen. Ernährungsmängel, die durch eine ungesunde und einseitige Ernährung entstehen, können daher auch nicht durch Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden. Da es sich dabei um Lebensmittel handelt, dürfen solche Produkte weder Nebenwirkungen haben noch mit Heilwirkungen Werbung machen.

Wo beginnt und endet der Nutzen?

Um diese Fragen zu klären, müssen wir uns kurz mit den Referenzwerten  der Nährstoffzufuhr beschäftigen. Die sogenannten D-A-CH-Referenzwerte werden von den Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) und Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) herausgegeben.  Da der Energie- und Nährstoffbedarf von Mensch zu Mensch und von Tag zu Tag verschieden ist, und von sehr vielen Faktoren abhängt, ist die Ermittlung des Nährstoffbedarfs ein sehr komplexes Thema. Dabei werden drei verschiedene Referenzwerte unterschieden:

  • die empfohlene Zufuhr: Basis hierfür ist ein experimentell ermittelter gesicherter durchschnittlicher Bedarf plus Sicherheitspolster; das ist die durchschnittlich tägliche Nährstoffzufuhr, die ausreicht, um den Bedarf nahezu  aller gesunden Individuen einer definierten Personengruppe zu decken
  • Schätzwerte: Basis hierfür ist der durchschnittliche Bedarf, der aber nicht mit ausreichender Genauigkeit bekannt ist; ergibt Hinweise auf eine angemessene und gesundheitlich unbedenkliche Zufuhr
  • Richtwerte: aus ernährungswissenschaftlicher Sicht wünschenswerte Bereiche oder Werte; das sind lediglich Orientierungshilfen.

Wie bereits besprochen ist der tatsächliche Nährstoffbedarf von Mensch zu Mensch verschieden, die Referenzwerte geben jedoch eine gute Basis. Da die Zufuhrempfehlungen jedoch aufgrund des Sicherheitspolsters, um auch wirklich die Gesamtbevölkerung zu erreichen, wesentlich höher liegen, als der tatsächliche Bedarf der gesunden Einzelperson, kann davon ausgegangen werden, dass bei einer gesunden ausgewogenen Ernährung, nahezu alle gesunden Personen optimal versorgt sind.

Nahrungsergänzungsmittel Nutzen oder Risiko?

Ob man sich jetzt ausgewogen und gesund ernährt, das kann freilich in einer individuellen Ernährungsberatung geklärt werden und die Frage ob man Nahrungsergänzungen braucht, kann ebenso nicht pauschal beantwortet werden. Einige Mängel können durch einen Blutbefund festgestellt werden und durch eine entsprechend angepasste Ernährung bzw. einer dann passenden Nahrungsergänzung ausgeglichen werden.

In bestimmten Lebensphasen und bei manchen Personengruppen hat der Körper einen erhöhten Bedarf an bestimmten Nährstoffen und dieser kann möglicherweise nicht durch die Nahrung alleine abgesichert werden. Dann sind Nahrungsergänzungen sinnvoll. Aber auch das muss individuell abgesichert werden. Beispielsweise haben Schwangere und Stillende einen erhöhten Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen, obwohl der Energiebedarf nur geringfügig ansteigt. Das erfordert also eine Ernährung mit hoher Nährstoffdichte. D.h. da sind Lebensmittel gefragt, die eher wenig Energie (also Kalorien) haben, dafür aber eine möglichst hohe Menge an Nährstoffen enthalten. Auch Kinder und Jugendliche haben einen erhöhten Nährstoffbedarf im Vergleich zu Erwachsenen. Der Bedarf kann aber problemlos mit einer optimierten Mischkost gedeckt werden. Problematisch wird es nur, wenn Kinder zu einseitig essen und vieles was angeboten wird, verweigern. Auch hier kann eine Beratung beim Ernährungsexperten helfen. Personengruppen, wie Leistungssportler, Ältere Menschen und Senioren, Chronisch Kranke und auch Personen, die sich einseitig ernähren, können einen anderen Nährstoffbedarf haben, als der gesunde Durchschnittsbürger.

Vorsicht ist geboten bei den diversen Ernährungstrends, wie Low Carb, Clean Eating, Paleo, Vegane Ernährung, um nur einige zu nennen. Hier kann man schnell durch einseitige Ernährung und vor allem durch Unwissenheit in eine Unterversorgung von bestimmten Nährstoffen rutschen. Wer sich gut informiert und durch gezielten Lebensmitteleinsatz auch gut versorgt, braucht meist auch nicht auf Nahrungsergänzungen zurückgreifen. Im Einzelfall kann jedoch eine Ergänzung sinnvoll sein.

Wo sind die Risiken?

Wenn Nahrungsergänzungen in Kombination eingenommen werden, ohne vorheriger Absprache mit einem Experten oder Arzt, können einzelne Substanzen schnell überdosiert sein. Das ist nicht weiter tragisch, wenn diese Substanz selbst in der Überdosis keine toxische Wirkung aufweist. Allerdings ist es gerade bei den Mikronährstoffen, also den Vitaminen und Mineralstoffen so, dass bei einer Zufuhr von weit über den Referenzwerten liegenden Mengen mit unerwünschten toxikologischen Wirkungen gerechnet werden muss. Die Gefahr einer Überdosierung ist bei der Ernährung mit herkömmlichen Lebensmitteln sehr gering, bei einer ungezielten Zufuhr von Nahrungsergänzungsmittel dagegen relevant. Ein mittlerweile sehr bekanntes Beispiel dafür ist die Zufuhr von ß-Carotin. Die Zufuhr der Vorstufe von Vitamin A über beispielsweise Karotten ist weitestgehend unbedenklich. In zwei Interventionsstudien mit Rauchern wurde jedoch festgestellt, dass sich die Zufuhr von höheren Mengen isoliertem ß-Carotin negativ auf die Häufigkeit von Lungenkrebs und auf die Gesamtmortalität auswirkt. Hier sind natürlich auch noch weitere Studien zur Absicherung höherer Dosierungen in Kombinations- und Einzelpräparaten über einen längeren Zeitraum notwendig. Ich finde jedoch, das ist ein sehr plakatives Beispiel, wie aus einem Schutzeffekt gegen Lungenkrebs ein Boomerang geworden ist.

Auch die Speicherkapazitäten unseres Körpers sind bei einzelnen Nährstoffen nur sehr begrenzt vorhanden. Was der Körper nicht braucht, muss wieder ausgeschieden werden. Was der Körper nicht braucht, wird wieder abgebaut. Das beste Beispiel dafür sind unsere Muskeln. Brauchen wir sie nicht, baut sie der Körper ab. Zwei Wochen im Urlaub kein Training und der Einstieg ist wieder wesentlich schwieriger. Der Körper baut die Muskeln sofort ab, wenn sie nicht verwendet werden – es wäre Energieverschwendung etwas zu versorgen, was nicht gebraucht wird.  Jetzt ist es aber nicht so, dass der Körper diese Zusatzstoffe, die wir uns in Form von Nahrungsergänzungen zuführen, einfach unangetastet durchschleust. Nein, unser Körper und unser hochkomplexes Verdauungssystem schaut sich das etwas genauer an und je nach Substanzklasse landen diese letztendlich in der Leber oder der Niere und werden, wenn für nicht brauchbar befunden, abgebaut und ausgeschieden, über den Stuhl oder über den Harn. Im schlimmsten Fall produzieren wir also manchmal doch auch einfach nur sündteuren Stuhl oder sündteuren Harn. Daneben verbrauchen wir für diesen Stoffwechselprozess natürlich Energie.

Daher stellt sich mir die Frage: Ist das denn alles notwendig? Ist das diesen ganzen Aufwand, den der Körper betreiben muss, um das Zeug, was wir eigentlich nicht brauchen wieder loszuwerden?

Daher mein Credo:

Der gezielte Einsatz ist es! Wenn ein Mangel vorliegt, dann, keine Frage, ist es unbedingt notwendig, diesen auszugleichen. Wenn allerdings kein Mangel vorliegt, dann sollten wir unseren Körper auch nicht unnötig belasten.

Eines muss man aber all den Menschen lassen, die mich immer wieder betreffend Nahrungsergänzungsmitteln „bekehren“ wollen: sie haben alle ein enormes Selbstvertrauen, denn viele beginnen Diskussionen mit mir die Ernährung und den Stoffwechsel betreffend, als hätten sie selbst nicht nur Ernährungswissenschaften sondern auch noch gleich Medizin und Molekularbiologie studiert.

Ich arbeite mit echten Lebensmitteln!

Literaturnachweis:
  • D-A-CH-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr, 2. Auflage, 1. Ausgabe 2015, DGE, Bonn
  • aid Infodienst Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel, 2. überarbeitete Auflage, Bonn

Susanne Lindenthal

Mein Name ist Susanne Lindenthal und ich bin Deine Expertin in Sachen Verdauung. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Zum einen bin ich mit Leib und Seele Ernährungswissenschafterin, zum Anderen bin ich der Traditionellen Chinesischen Medizin verfallen. In meinen Beratungen verbinde ich diese scheinbar konträren Welten und verhelfe damit Führungskräften und UnternehmerInnen zu einem besseren Bauchgefühl.

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Karotten, ein Augentonikum › essenbelebt - 26. März 2018 Reply

[…] durchgeführt. Wenn Du mich schon länger verfolgst, dann wirst Du vielleicht meinen Artikel Nahrungsergänzungsmittel – Nutzen oder Risiko? bereits gelesen […]

Was ist schon normal, wenn es um das tägliche "Hauferl" geht? › essenbelebt - 12. Februar 2018 Reply

[…] mit vielen künstlichen Zusatzstoffen, Süßstoffe, stark denaturierte Produkte, Nahrungsergänzungen aber auch Medikamente und Magen-Darm-Infektionen können die Darmflora stark beeinflussen und […]

Funktionelle Verdauungsstörungen - Dem Leiden ein Ende setzen! › essenbelebt - 5. Dezember 2017 Reply

[…] immer lautet hier mein Leitspruch: Ich arbeite mit echten Lebensmitteln! Meine Meinung zum Thema Nahrungsergänzungsmittel habe ich ja schon im gleichlautenden Artikel […]

Vitamin D - Überleben ohne Nahrungsergänzung? › essenbelebt - 28. August 2017 Reply

[…] und ähnliches höre ich da immer wieder. Wie ich schon im meinem Artikel zum Thema Nahrungsergänzungsmittel geschrieben habe, vertrete ich hier einen sehr pragmatischen Ansatz: zuerst feststellen, ob ein […]

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